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Offene Fragen

Muammar al-Gaddafi hat vorgeschlagen, die Schweiz zu zerschlagen. Als Sponsor des Terrors und bevölkert von Mafiosi, hätte unser Land gar keine Existenzberechtigung mehr. Feiern wir zum letzten Mal den 1. August? Gaddafi teilt die Romands Frankreich zu, die Tessiner gehen an Italien und die Deutschschweizer bilden ein neues 16. Bundesland. Es bleiben Fragen offen. Wie etwa reagiert Sarkozy, wenn mit der Westschweiz auch das Strafverfahren gegen den schlagfertigen Hannibal unter französische Justiz gelangt? In Paris kennt man den Gaddafi-Sohn als den Raser von Paris, nachdem er mit 140 Stundenkilometern über die Champs-Élysées gebrettert war. Die Frage aller Fragen aber lautet: Wohin mit den Rätoromanen? Hier muss Gaddafi nochmals über die Bücher. Vielleicht erinnert er sich daran, wie zwei Bündner Architekten vor 40 Jahren in der libyschen Wüste scheiterten und zahlreiche Arbeiter, vornehmlich aus dem Sarganserland, in der Wüste ohne Pass und Lohn sitzen liessen. War auch nicht die feine Art, Skrupel sind deshalb nicht angebracht. Graubünden könnte jetzt dem Fürstentum Liechtenstein zugeschlagen werden. Allerdings mit ungewisser Zukunft, weiss man nämlich nie, ob Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein seine im Wahlkampf 2003 geäusserte Drohung, bei einer Niederlage würde er nach Wien umziehen, doch noch wahr macht. Dann landen die Rätoromanen am Schluss in Österreich und Gaddafi gelänge, was den Vorarlbergern seit 90 Jahren verwehrt bleibt. Der Anschluss nämlich als Kanton Übrig an das Nachbarland. Wie auch immer, wir sollten uns fit machen für eine friedliche Übernahme. Der bayrische Comedian Michael Mittermeier seinerseits ist schon voll in den Vorbereitungen, jedenfalls freut er sich darauf, in Graubünden diese «Retrogermanen» endlich näher kennenzulernen. Dass die Bündner Herrschaft, das Sarganserland und die Walensee-Region romanische Gebiete waren, erkennt man an Ortsbezeichnungen von Unterterzen über Quarten bis Quinten. Schuld daran, dass sogar über den Bodensee hinaus in Teilen Bayerns, Vorarlberg, Tirol und Vinschgau romanisch gesprochen wurde, sind Drusus und Tiberis. Dank ihrer Eroberung der Alpen konnte die römische Provinz Rätien gebildet werden. Was uns heute die Umsetzung zur Zerschlagung der Schweiz erheblich kompliziert. Jedenfalls kann Gaddafi damit nichts anfangen. Auch wir müssen uns gezwungenermassen auf die Suche nach einem Plätzchen machen. Oder kann es sein, dass uns gar niemand will? Und wenn ja, warum nicht? Finden wir die Ursache in der permanent falschen Wetterprognose und dem schlechten Service? Dann hätten wir zuerst unsere Hausaufgaben zu machen. Solange es Anrufe bei Meteo Schweiz gibt wie: «Ihre leichte Bewölkung wird gerade von der Feuerwehr aus meinem Keller gepumpt!» fehlt es am Grundvertrauen. Solange es Hoteliers gibt, die für ein Glas Leitungswasser 4 Franken verlangen, fehlt es am Anstand. Und solange es Wirte gibt, die eine minimale Menüänderung verweigern und die Gäste lieber ziehen lassen, fehlt es am Verstand. Diene deinen Freunden ohne zu rechnen, schlägt Gottfried Keller vor. Andernfalls können wir nicht damit rechnen, überhaupt noch Freunde zu haben. Die Forderung des libyschen Wüstensohnes kann vermutlich nicht umgesetzt werden, weil wir für unsere Nachbarn auch zerlegt gar keine attraktive Braut sind. Vermutlich nennt man uns deswegen Willensnation. Niemand will uns. Tun wir stattdessen etwas für das Grundvertrauen, den Anstand und den Verstand. Die Schweiz zerschlagen kann die Lösung nicht sein, wir schliessen damit folgerichtig mit dem abgewandelten Brecht-Zitat: «Und so sehen wir betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen.»

Stefan Bühler

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