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Mythos

Zu den klassischen Mythen gehört bekanntlich die Geschichte von Wilhelm Tell. Gerne hören wir von Walterli, Gessler, von der hohlen Gasse und davon, wie die Schweiz gegründet wurde. Das Rütli ist demnach mehr als eine von Kuhfladen übersäte Wiese, wie uns Ueli Maurer weismachen wollte. Es ist ein Mythos. Ein ganzes Land leitet seine Existenzberechtigung davon ab und Maurers Partei sogar ihr Programm. Im übrigen wäre der Geschichtsunterricht in der Primarschule ohne Mythen noch langweiliger, als er eh schon ist. Was letztlich ins Bewusstsein eindringt, sind meist nicht historische Fakten. Unser Geschichtsbewusstsein verdanken wir in erster Linie den Schriftstellern. Ohne Friedrich Schiller gebe es unseren Wilhelm Tell so nicht. Schiller verfügte offenbar über sehr gutes Kartenmaterial, sonst hätte er in seinem Drama von 1804 nicht über 150 Schauplätze genau beschreiben können, zumal er im Gegensatz zu seinem Freund Goethe gar nie in der Schweiz war. So kommt es, dass wir den Wilhelm Tell genau zu kennen glauben, frei nach Schiller und weniger nach Max Frisch, der sich auch daran versucht hat. Und es bestätigt sich, dass das Gefährliche an Halbwahrheiten ist, dass immer die falsche Hälfte geglaubt wird. Nun denn, wenn alle Menschen immer die Wahrheit sagen würden, wäre das die Hölle auf Erden. Die Wahrheit ist: Den Tell gab es nie. Auch keinen Urner Landvogt Gessler, weil habsburgische Vögte im Mittelland wohnten. Wenn wir heute eine Umfrage machen würden, gäbe es auch eine stattliche Anzahl von Bürgern, die an die Existenz von Heidi glauben. Johanna Spyri hätte das nicht gewollt, auch wenn sie einige Wahrheiten in ihre Geschichte eingeflochten hat. So stimmt es zweifellos, dass Bad Ragaz über einen Bahnhof verfügt. Mythen werden dann zur ewigen Wahrheit, wenn sie über präzise Angaben verfügen und damit über einen realen Kern. So ist denn auch der bekannteste Bündner, Georg Jenatsch, in seiner Funktion als Nationalheld mehr Mythos als Realität. Aber auch das geht nicht einfach in die Köpfe, weil es doch allzu schön ist, wie ein Bündner Held um die Freiheit seines Vaterlandes kämpfte. Ernüchternd muss man aber feststellen, dass auch hier der Dichter mehr daraus gemacht hat, als es der historischen Wahrheit dient. Der Täter in diesem Fall heisst Conrad Ferdinand Meyer. In seinem historischen Roman Jürg Jenatsch hat auch er so einfache Fragen wie jene nach dem Geburtsort von Jenatsch oder ob er einmal, zweimal oder überhaupt je verheiratet war, nur auf seine Art beantwortet. Der amerikanische Historiker Randolph C. Head hat die Figur Jenatsch in seiner neusten Publikation in den richtigen Zusammenhang gestellt, immerhin ein Versuch, der historischen Persönlichkeit etwas näher zu kommen. Auch ihm wird es aber nicht gelingen, den Romanhelden zu verdrängen. Zumal sich Conrad Ferdinand Meyer auf gute Freunde verlassen kann, die seine Dichtung noch immer als Wahrheit verkaufen. Wie die Verantwortlichen für die unsäglich peinlichen roten Tafeln in der Churer Altstadt. Trotz Sparmassnahmen sollte der Churer Stadtrat wenigstens die Fehler in den eigenen Publikationen korrigieren. Gerade jene zum Thema Jenatsch, die von Fehlern strotzt. Der Romantitel ist falsch und der Hinweis wagemutig, wonach eine Lucretia Planta den Tod Jenatschs heraufbeschworen hat. Und nur nebenbei: Das Wort Jugenliebe könnte man auch richtig schreiben, wenn man schon so viel Geld ausgibt. Auch die schönsten Mythen ändern nichts daran, dass das Rütli eine von Kuhfladen übersäte Wiese ist. Mit diesem korrekten Geschichtsverständnis ist Ueli Maurer der Wahrheit näher als die Stadt Chur mit ihren historischen Halbwahrheiten und grammatikalischen Vollfehlern.

Stefan Bühler

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