Ergriffen von dieser Faszination war das sogar Grund genug, mich als Primarschüler von Felsberg extra bei Kari Grossmann zum Handorgelunterricht zu melden, um auch dabei sein zu dürfen. So wurde dem ersten Söldner die Legitimation erteilt, wenigstens am Umzug teilzunehmen und jedes Jahr den Jugendmarsch vom Obertor bis zur Quader als Endlosstück zu spielen. Der Heimwehkompressor hatte erst ausgedient, als der gleiche Felsberger als junger Kantischüler mit der Kadettenmusik morgens um 6 Uhr der Churer Jugend den Marsch blasen durfte, damit diese auch rechtzeitig wach und um 7 Uhr zum Abmarsch beim Obertor bereitstand. Das gleiche Szenario wiederholte sich jedes Jahr und der Stolz kannte keine Grenzen, als das zehnte Söldnerjahr an der Churer Maiensässfahrt in der Uniform des Kapellmeisters gefeiert wurde. Aber je höher der Stolz, desto tiefer der Fall. Der Kapellmeister und sein Mann an der Pauke verpassten am Abend um 19 Uhr den Start zum Umzug, weil sie in den vollgestopften Strassen steckengeblieben waren. Ohne Dirigent wäre es noch gegangen, nicht aber ohne Pauke. Und so musste die Churer Schuljugend auf den Abmarsch warten. Auch diese Erinnerung verklärt sich mit den Jahren, damals war das aber gar nicht lustig. Professor Egli konnte sich fast nicht erholen und hat sich wahrscheinlich insgeheim geschworen, dass er nie mehr einen Auswärtigen zum Kapellmeister an die Churer Maiensässfahrt delegieren wird. In den Jahren 1836 bis 1838 gab es bereits erste Churer Jugendfeste, damals in der Au und nicht unter besten Vorzeichen. Das erste artete aus, beim zweiten wurden Wärter eingesetzt, die wegen Trunkenheit dienstunfähig waren, und das dritte brachte wie die vorherigen ein kräftiges Defitzit. Das unrühmliche Ende war besiegelt. Am 12. Juni 1854 wurde die erste richtige Maiensässfahrt unternommen und an deren Ablauf hat sich bis heute kaum etwas geändert. Bis auf die Wärter, die heissen heute Lehrer und gelten meist als dienstfähig. Jedenfalls in der Erinnerung. Stefan Bühler |